Die Seerosen von Monet

Weltberühmt für den Impressionismus ist der Künstler Claude Monet (1840 – 1926). Für viele seiner Bilder inspirierte er sich in seinem Garten in Giverny. Und besonders die Panoramabilder „Die Seerosen“ im Musée de l’Orangerie in Paris machten ihn bekannt.

Doch von der Idee dieser Bilder bis zur Aufhängung im Museum war es ein langer Weg.

Es ist das letzte Projekt des Künstlers. Er plant es von Beginn an als eine Schenkung an den französischen Staat.

Die Entstehung des Museums und der Bilder

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Der Eingang des Museums. (Bild: By Homonihilis – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5890546)

Die Bilder und die Entstehung des Museums sind in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes.

Ursprünglich sollten es zwei Bilder sein, die im Musée des Arts Décoratifs aufgehängt werden sollten. Die erste Besonderheit ist, dass der Künstler aktiv mitbestimmt, wo und wie die Bilder auszustellen sind.

Und Monet hat keinen einfachen Charakter. Es wird viel Verhandlung von Nöten sein. Denn Monet möchte etwas hinterlassen, das den Sieg aus der Krise, dem 1. Weltkrieg, unterstreicht. Er möchte ein Symbol des Friedens schaffen, einen Gegenpol zur Gewalt des Krieges.

Seine Anfangsidee von der Schenkung zweier Bilder entwickelt sich zu einem großen Projekt in Kunst und Architektur. Der Architekt des Museums muss eng mit dem Künstler zusammenarbeiten, um Monets Ansprüchen zu genügen.

Das Musée des Arts Décoratifs kommt also nicht mehr in Frage für die Ausstellung der geplanten Bilder.

Der Politiker Georges Clemenceau ist ein Freund von Monet. Somit hat der Künstler einen starken Unterstützer in seinem Projekt. Clemenceau bietet an, ein eigenes Gebäude für die Bilder errichten zu lassen. Es soll eine Rotunde, also ein Rundbau, im Garten des Musée Rodin werden.

Monet möchte die Bilder eng nebeneinander hängen, damit so ein Panoramaeindruck entsteht und der Besucher in der Mitte des Raumes das Gefühl bekommt, direkt auf den See in Giverny zu schauen.

Außerdem möchte er eine natürliche Deckenbeleuchtung, damit der Farbeindruck den Tages- und Jahreszeiten unterliegt.

Aus Kostengründen wird schließlich auch dieser Plan verworfen. Man möchte nun nach einem schon bestehenden Gebäude suchen.

Zu der Zeit beherbergt die Orangerie im Tuilerien-Garten keine Orangenbäume mehr. Auch das Gebäude gegenüber, das Jeu de Paume, steht leer. Beide Bauwerke unterliegen da schon der Direktion der Musée nationaux, den Nationalmuseen.

Sie werden hin und wieder für Veranstaltungen oder Ausstellungen genutzt, haben aber noch keine feste Funktion. Im März 1921 besucht Clemenceau beide Gebäude und schlägt anschließend Monet vor, eines davon für die Seerosen-Bilder umbauen zu lassen.

Der Künstler akzeptiert schließlich das Angebot. Am 12. April 1922 wird der notarielle Akt zwischen Künstler und Staat unterschrieben. Damit verpflichtet Monet sich offiziell dazu, das Kunstwerk zu schaffen. Es wird festgelegt, dass es insgesamt acht große Panoramabilder werden sollen. Gleichzeitig verpflichtete sich der Staat, die finanziellen Mittel für den Umbau der Orangerie bereitzustellen.

Die Orangerie ist ein rechteckiger Bau, bestehend aus einem großen Raum mit durchgehenden Fenstern auf der Südseite. Wie der Name schon sagt, wurden vorher die Orangen- und Zitronenbäume des Jardin de Tuileries in diesem Gebäude überwintert.

Die Idee von der Panoramasicht hat Monet trotz des rechteckigen Grundrisses des Gebäudes nicht verworfen. So entwirft der Architekt Lefèvre zwei ovale Säle innerhalb des Baus.

Ein weiteres wichtiges Element für Monet ist ein Vestibül, ein Vorraum. Das Vestibül soll als Schleuse dienen zwischen der Außenwelt, gezeichnet von Krieg und Zerstörung, und den ovalen Räumen mit den Seerosen-Bildern, die eine Insel des Friedens darstellen. Dieses Museum soll ein Ort der Ruhe, der Entspannung, des Friedens und des Vergessens sein, da sich hier alles einzig und allein auf die Natur konzentriert.

Die Bilder sind nur für diesen Ort geschaffen worden. Sie sind fest an die Wände angebracht. Auch die Wirkung, die Stimmung, ist nur im gesamten Kunstwerk vollständig gegeben.

Ebenso die Größe der Bilder macht es so gut wie unmöglich, diese an andere Museen zu verleihen. Selbst die Mona Lisa war schon in Japan und in Amerika. Die Seerosen von Monet hingegen haben ihren Platz noch nie verlassen und werden es sicher auch nicht.

Aber die größte Besonderheit zu Beginn des 20. Jahrhunderts überhaupt besteht darin, dass der Künstler selbst aktiv daran beteiligt ist, wie und wo seine Bilder ausgestellt werden: er selbst bestimmt den Ort, die Architektur, die Beleuchtungsweise und die Aufhängung.

Clemenceau sagt dazu: „Monet war immer ein schwieriger Gesprächspartner und im Geschäftlichen sehr anspruchsvoll.“ Das geht so weit, dass er mehrmals den Vertrag fast bricht und das Projekt absagt. Clemenceau erinnert ihn dann stets daran, dass der französische Staat sich immer an den Vertag gehalten habe und er dasselbe von Monet erwarte.

Monet stellt die Bilder schließlich fertig, wird aber die endgültige Ausstellung nie erleben. Er stirbt am 5. Dezember 1926.

Das Museum öffnet erst 5 Monate nach seinem Tod, am 17. Mai 1927.

Entgegen aller Erwartung ist das Museum nur sehr wenig besucht. Diejenigen, die den impressionistischen Stil mögen, mögen auch die Seerosen in der Orangerie. Aber grundsätzlich sind zum Ende der 20er Jahre impressionistische Bilder nicht mehr sehr en vogue und die Scharen an Besuchern bleiben aus.

Auch während des zweiten Weltkrieges bleibt das Museum geöffnet. 1944 schlägt eine Kugel ein und beschädigt zwei Bilder. Für die Restaurierung wird kurzzeitig geschlossen.

Die Verunstaltung des Museums

Nach dem Krieg beginnen die Besucherzahlen langsam zu steigen. Eine große Veränderung tritt ab den 60er Jahren ein. Das Museum erhält die private Sammlung von Jean Walter und Paul Guillaume mit Bildern des 19. und 20. Jahrhunderts. Man braucht nun also Platz, um diese Bilder auszustellen.

Also wird beschlossen, ein Obergeschoss einzurichten. Ein großer Fehler! Denn das führt dazu, dass die Seerosen kein natürliches Licht von oben mehr haben, da eine geschlossene Decke eingebaut wird. Die Seerosen erhalten eine künstliche Beleuchtung, was die Wirkung völlig zerstört.

Auch das Vestibül, die Schleuse zwischen der Außenwelt und den ovalen Räumen mit den Seerosen wird zweckentfremdet. Man baut hier ein Treppenhaus ein, das zur oberen Etage führt.

Das, wofür Monet gekämpft hatte, ist nicht mehr vorhanden. Der Gesamteindruck zerstört. 40 Jahre lang wird dieser Zustand beibehalten.

Das Musée de l’Orangerie heute

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Detail, Seerosen. (Bild: By I, Sailko, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=47311181)

Kurz vor der Jahrtausendwende kommen die Museographen dann zur Besinnung und das Museum wird für Renovierungen geschlossen. Das Obergeschoss wird wieder entfernt und das natürliche Licht für die Seerosen wiederhergestellt.

1997 wurde der Architekturwettbewerb für die Umbauten des Museums ausgeschrieben. Das wichtigste Kriterium ist die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands. Der Architekt ist Olivier Brochet.

Da kein Obergeschoss mehr vorhanden ist, braucht man auch das Treppenhaus nicht mehr. Also wird auch das Vestibül wieder eingerichtet, so wie es von Monet ursprünglich gefordert worden war. Der einzige Gegenstand in dem Vestibül ist heute eine Büste von Clemenceau, um den Politiker zu ehren, der dieses Museum ermöglicht hatte. Sonst ist das Vestibül in neutralem Weiß gehalten. Es soll den Besucher vom Lärm der Außenwelt neutralisieren und auf die friedliche Wirkung der Naturbilder vorbereiten.

Die Kollektion Walter-Guillaume bekommt nun einen anderen Platz. Diesmal gräbt man in die Tiefe. Das Museum bekommt ein Untergeschoss, wo diese Kollektion auch heute noch zu sehen ist. Im Zwischengeschoss befindet sich der Museumsshop und seit ein paar Jahren auch ein Café.

Im Zentrum stehen heute noch die Seerosen. Der Besucher kommt ins Museum und geht geradeaus auf das Vestibül und schließlich auf das Meisterwerk von Monet zu.

Erst danach bewegt man sich ins Untergeschoss zur Ausstellung Walter-Guillaume. Auch wenn die Seerosen die Stars des Musée de l’Orangerie sind, ist diese Kollektion im Untergeschoss beachtlich: Wir sehen Bilder von Renoir, Picasso, Degas, Rousseau, Derain und viele, viele mehr. Insgesamt 146 Bilder.

Außerdem finden regelmäßig Sonderausstellungen statt, die sich ebenfalls auf Kunstwerke des 19. und 20. Jahrhunderts konzentrieren.

Das Museum lässt sich in einer guten Stunde besichtigen. Es ist also auch für Touristen mit nur wenigen Tagen Aufenthalt durchaus machbar. Wo man allerdings ein wenig Zeit verlieren kann, ist in der Warteschlange. Man kann sich im Internet aber bestimmte Tickets kaufen, um die Warteschlange zu umgehen.

2010 ist das Museum an das Musée d’Orsay angeschlossen worden. Man zahlt also nur Eintritt in einem Museum, hat aber Zugang zu beiden. Das hat dazu geführt, dass die Besucherzahlen für die Orangerie noch mehr gestiegen sind. Es sind etwa 800.000 Besucher pro Jahr, davon 69 % aus dem Ausland.

Und die Besucher sind begeistert. Die Seerosen im ersten Saal haben eine Gesamtlänge von 39,23 m und im zweiten Saal 50,97 m.

Ich habe mir mal den Spaß erlaubt, die Besucher in dem Moment zu beobachten, in dem sie in den ersten Saal reinkommen. Die meisten haben erstaunte Gesichter, beginnen zu lächeln und zu strahlen und sagen Dinge wie „Magnifique“, „Oooh“, „It is so amazing!“…

Einige setzen sich auf die Bank in der Mitte, andere schlendern die Bilder entlang. Einige gehen ganz nah ran, um die Details zu sehen, dann wieder entfernen sie sich, um das Gesamtwerk auf sich wirken zu lassen. Aber alle, wirklich alle zücken ihre Kameras oder Selfie-Sticks.

Wenn man sich ein paar Minuten Zeit nimmt und den Moment genießt, spürt man eben die vom Künstler gewollte friedliche Stimmung. Der Eindruck entsteht nicht nur durch die Farbe der Bilder, sondern auch durch das Tageslicht. Bei schlechtem Wetter ist die Stimmung anders als bei Sonnenschein. Und der Sonnenschein im Sommer wirkt nochmal anders als der im Winter.

Ganz im impressionistischen Sinne, spielt das Licht die entscheidende Rolle. Erst das Zusammenspiel von Farbe und Licht machen die Bilder komplett.

Ich möchte den Artikel mit einem Zitat von Monet beenden:

„Ich wollte die Natur kopieren, aber ich konnte es nicht. Ich war jedoch mit mir zufrieden, als ich entdeckte, dass man die Sonne nicht wiedergeben kann, sondern dass man sie mit etwas anderem darstellen muss… mit der Farbe.“ – Claude Monet

Warst du schon mal im Musée de l’Orangerie? Wie war dein Eindruck? Schreib mir und erzähle es mir!

Deine Anna

 

 

 

 

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