Auslandsstudium Teil 3: ERASMUS in Paris – Studieren an der Sorbonne

5 Module pro Semester?? Und die muss ich alle bestehen? Und wenn ich es nicht schaffe?  Streicht ERASMUS mir dann das Stipendium?

Warum schreiben die Studenten jedes Wort vom Prof mit? Muss ich alles wortwörtlich auswendig lernen?… 

Nachdem ich dir im letzten Artikel von meinen ersten Eindrücken an der Uni in Paris berichtet habe, möchte ich jetzt konkreter auf das französische System eingehen.

Dieser Artikel behandelt den praktischen Aufbau des Studiums der Kunstgeschichte in Paris. Er unterscheidet sich zu dem der Uni Köln und vermutlich auch zu den anderen deutschen Universitäten.

Falls du vor hast in Frankreich oder sogar in Paris zu studieren, hilft dir dieser Artikel, dich im Vorfeld auf ein anderes System einzustellen.

Organisatorisches / Modulaufbau

Wer an der Uni Köln studiert, und wahrscheinlich läuft es an anderen deutschen Unis ähnlich, kennt die Einschreibung in Kurse über das Internet, also das eigene Netzwerk der Uni.

In Frankreich läuft das noch manuell. Man kann sich zwar das Vorlesungsverzeichnis im Netz runterladen, aber man muss trotzdem einen Zettel ausfüllen und unterschreiben, der dann von der Administration eingegeben wird und im Anschluss findet man dann seine Kurse im Uni-Account.

Das heißt, ich musste ins Erasmusbüro und der Sekretärin sagen welche Kurse ich belegen möchte. Sie hat die dann in einer Liste eingetragen und später im System eingegeben.

Man muss in Frankreich mehr Module absolvieren als an der Uni Köln, also 5 Module pro Semester, anstatt 2.

In der Regel besteht ein Modul aus :

  • 1 (manchmal auch 2) Cours magistral (Vorlesung)
  • + 1 Option (wie eine Vorlesung)
  • + 1 TD (Travaux dirigés = Übung)

Die Hauptvorlesung/en eines Moduls ist/sind nicht variabel. Bei der Option wählt man eine von mehreren, entsprechend der eigenen Interessen. Beim TD handelt es sich um eine Übung, bei der meist die Themen der Hauptvorlesung aufgegriffen werden.

Im TD müssen Referate gehalten werden. Es ist aber nicht wie in Köln, dass das Referat + Hausarbeit des Seminars die Modulnote bilden. Die TD-Note macht etwa 40 % aus.

In der Hauptvorlesung wird eine 4-stündige Klausur geschrieben, die 60 % der Note ausmacht. Gab es in einem Modul mehrere Hauptvorlesungen, so darf man in der Klausur entweder

  1. Selbst auswählen zu welcher Vorlesung man geprüft werden will, oder
  2. Man muss zu jeder Vorlesung eine Frage bearbeiten, oder
  3. Der Prof wählt zufällig aus, wer welche Frage bearbeitet.

Welche dieser Möglichkeiten gewählt wird entscheidet der Prof.

Zusätzlich gibt es einen Test von 1 Stunde in der Option. Das ganze für 5 Module ergibt also:

5 x 4-stündige Klausur + 5 x 1-stündiger Test + 5 Referate. Das Ganze pro Semester!

Für die Franzosen selbst ist das sehr anstrengend. Wer also aus dem Ausland kommt, muss die Sprache schon sehr gut beherrschen, um da mitzuhalten.

Wer nur schlecht bis mittelmäßig mit der Sprache klarkommt, kann das alles niemals bestehen.

Aber keine Panik!

Wer sich unbedingt was in der Heimatuni anrechnen lassen möchte, in Köln hat man ja weniger Module. Und man hat ja zwei Fächer.

Das heißt, wer in Frankreich ein Modul pro Semester erfolgreich abschließt, hat schon genug geschafft, um im gleichen Rhythmus zu bleiben wie die Kommilitonen der deutschen Uni.

Und zum Thema Geld: Es gibt von Seiten ERASMUS keinen Druck. Also man bekommt das Geld auch wenn man nicht alle Module abschließt.

So siehts aus im Hörsaal

In Frankreich herrscht totaler Frontalunterricht.

Es ist wirklich ein markanter Unterschied zu Deutschland. Sobald der Professor spricht, tippen alle wie wild in ihre Laptops und schreiben Wort für Wort mit, um die Mitschrift später auswendig zu lernen und in der Klausur auszuspucken.

Das ist auch in den TDs der Fall. Alles, wirklich alles! wird mitgeschrieben.

Die Professoren selbst finden es nicht so toll, sie versuchen immer wieder zu betonen, dass es durchaus vorteilhaft ist, vor allem in Kunstgeschichte, auf die Präsentation und damit die Bilder zu schauen, um die es geht.

Aber es hilft nichts. Man kommt sich vor wie in einem Tipp-Wettbewerb.

Ich habe mich am Anfang davon verunsichern lassen. Ich dachte: Oh nein, ich höre dem Prof zu und schaue ihn dabei an, er fragt sich bestimmt warum ich nicht mitschreibe…

Heute weiß ich, dass man als Redner natürlicherweise die Personen anschaut, die einem zuhören und dabei anschauen.

Später habe ich die Vorlesungen mit einem Diktiergerät aufgenommen und nur Stichpunkte notiert. Als ausländischer Student kann man aber auch die einheimischen freundlich fragen, ob sie einem die Mitschriften schicken. Und es gibt immer nette Leute, die es auch wirklich machen.

Das heißt aber nicht, dass man zu Beginn des Semesters einmal fragt und man dann jede Woche die Mitschriften zugeschickt bekommt. Man muss schon nett jede Woche eine kleine Erinnerungsmail schicken, wenn man den Stoff regelmäßig aufarbeiten möchte.

Da man als Erasmus-Student ja nicht so viel Druck hat, sollte man vor allem von dem breiten Angebot profitieren.

Ich hatte summa summarum 27 Veranstaltungen pro Semester. Auch wenn ich anfangs noch nicht sehr viel verstanden habe, wurde ich über das Visuelle für viele Themen sensibilisiert, die ich später aufgreifen konnte.

Der Horizont erweitert sich sehr stark und ich hatte den Eindruck, dass sich viele Dinge verknüpfen und man einen großen Gesamteindruck über die Kunstgeschichte bekommt.

Hinzu kommt die Tatsache, dass man in Paris in einer Stadt ist, die sehr viele wichtige Kunstwerke in ihren Museen birgt. Es kam also oft vor, dass man in einer Vorlesung über die Werke X, Y gesprochen hat und sie sich anschließend selbst im Original im Museum anschauen konnte.

Für Kunsthistoriker ist das der absolute Hammer!

Außerdem finden in den zahlreichen Museen regelmäßig neue Sonderausstellungen statt. Es gibt Konferenzen und internationale Kolloquien.

Kunstgeschichte in Paris zu studieren ist wirklich eine herausragende Erfahrung!

Im nächsten Artikel berichte ich dir vom sozialen Leben in Paris und einigen Unternehmung.

Falls du den 2. Teil noch nicht gelesen hast, in dem es ums Ankommen und Einleben geht, findest du hier zum Artikel 2.

Hier noch ein paar Fotos vom Institut für Kunstgeschichte und Archäologie.

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Institut d’histoire de l’art et l’archéologie, Paris.
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Eingangsbereich im Institut.
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Eingang zur Bibliothek im Institut.

Au revoir,

Deine Anna

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